Über Bruno Kramm, Das Ich, unsere Szene und die verdammt kurze Zeit, die wir miteinander haben.
Eigentlich wollte ich keinen klassischen Nachruf schreiben.
Ich wollte nicht einfach Lebensdaten aufzählen, ein paar bekannte Songs nennen und am Ende „Ruhe in Frieden“ daruntersetzen.
Natürlich könnte ich das machen.
Aber seit ich erfahren habe, dass Bruno Kramm gestorben ist, geht mir etwas anderes nicht mehr aus dem Kopf.
Wie verdammt schnell alles vorbei sein kann.
Und wie viel Zeit wir Menschen damit verschwenden, uns gegenseitig das Leben schwer zu machen.
Wir streiten. Wir lästern. Wir blockieren uns. Wir diskutieren darüber, wer Recht hat, wer falsch liegt, wer zu welcher Gruppe gehört, wer „wirklich“ Gothic ist, wer welche Musik hören darf und wer angeblich schon immer alles besser wusste.
Wir regen uns über Kommentare im Internet auf.
Wir zerstreiten uns wegen Dingen, an die sich zwei Jahre später wahrscheinlich keiner mehr erinnern kann.
Wir reden nicht miteinander, weil wir erwarten, dass der andere zuerst auf uns zukommt.
Wir schieben Dinge auf. Morgen. Nächste Woche. Irgendwann.
Und dann stirbt plötzlich ein Mensch.
Ein Mensch, dessen Musik einen vielleicht über Jahrzehnte begleitet hat.
Und auf einmal merkt man wieder, was für ein verdammter Schwachsinn vieles davon eigentlich ist.
Denn wir können morgen tot umkippen. Du kannst morgen nicht mehr da sein. Ich kann morgen nicht mehr da sein. Der Mensch, mit dem du gerade Streit hast, kann morgen nicht mehr da sein.
Und dann gibt es kein „Das klären wir später“ mehr. Dann war es das.
Das klingt hart. Aber vielleicht müssen wir manche Dinge auch einmal hart aussprechen.
Bruno Kramm ist tot
Am Abend des 25. September stand Bruno Kramm noch mit Das Ich in Granada auf der Bühne.
Wenig später brach er nach dem Konzert zusammen.
Der Notruf wurde alarmiert, Polizei und Rettungskräfte kamen zur Sala Planta Baja. Bruno Kramm starb in dieser Nacht mit nur 58 Jahren.
58.
Ich schreibe diese Zahl und denke einfach nur:
Das ist doch kein Alter.
Und gleichzeitig denke ich daran, dass er kurz vorher noch Musik gemacht hat. Noch auf einer Bühne stand. Noch Teil dieses ganzen Wahnsinns war, den wir Konzert nennen.
Menschen standen vor ihm. Licht. Musik. Lautstärke. Bewegung.
Vielleicht haben Leute gelacht, getanzt, sich gefreut, Das Ich endlich wieder zu sehen.
Und wenige Stunden später ist ein Mensch nicht mehr da.
Wie soll man so etwas eigentlich begreifen?
Wahrscheinlich gar nicht.
Wir versuchen immer, für alles irgendeine Erklärung zu finden. Wir möchten verstehen. Wir möchten einen Grund. Wir möchten irgendeine Ordnung in solchen Dingen sehen.
Aber manchmal gibt es diese Ordnung einfach nicht.
Manchmal endet ein Abend anders, als irgendjemand erwartet hätte.
Und genau das macht mir Angst.
Das Ich begleitet mich, seit ich ungefähr 14 bin
Das Ich ist für mich nicht einfach irgendeine Band.
Ich glaube, ich war ungefähr 14 Jahre alt, als diese Musik angefangen hat, mich zu begleiten.
In diesem Alter saugst du Dinge anders auf. Musik ist da noch nicht einfach Unterhaltung. Sie wird Teil deiner Identität. Teil deiner Welt.
Man entdeckt eine Szene und plötzlich merkt man: Da draußen gibt es Menschen, die genauso seltsam sind wie ich. Menschen, die dieselbe Dunkelheit mögen. Menschen, die mit dem üblichen Radiozeug nichts anfangen können. Menschen, die schwarze Klamotten tragen, sich anders schminken, anders aussehen, andere Texte hören und vielleicht auch ein bisschen anders über die Welt nachdenken.
Und dann hörst du eine Band wie Das Ich.
Das war nicht nett. Nicht glatt. Nicht bequem. Es sollte auch nie bequem sein.
Das Ich verband Elektronik, Theater, Expressionismus, klassische Elemente und diese ganz eigene deutsche Sprache miteinander. Die Band gehörte seit den frühen 1990ern zu den prägenden Namen der Neuen Deutschen Todeskunst und hat damit einen Sound mitgeformt, der bis heute zur Geschichte unserer Szene gehört.
Aber darum geht es mir eigentlich gar nicht. Das können andere viel besser musikhistorisch auseinandernehmen.
Für mich ist wichtiger, was solche Musik mit einem Menschen macht.
Wenn dich eine Band seit deinem 14. Lebensjahr begleitet, dann hängt irgendwann ein Teil deines eigenen Lebens daran.
Du hörst einen Song und bist plötzlich wieder irgendwo anders. In einem alten Club. In einem Zimmer von früher. Auf irgendeiner Tanzfläche. Neben einem Menschen, den es vielleicht heute schon nicht mehr gibt.
Du erinnerst dich an Gerüche. An Klamotten. An Nächte. An völlig bescheuerte Gespräche morgens um vier. An Menschen, von denen du irgendwann dachtest, dass sie für immer Teil deines Lebens sein würden.
Musik ist manchmal eine verdammte Zeitmaschine.
Und deshalb kann der Tod eines Musikers einen treffen, obwohl man diesen Menschen nicht privat kannte.
Ich kannte Bruno nicht persönlich. Das muss ich auch nicht größer machen, als es war. Aber seine Musik war Teil meines Lebens. Und das reicht.
Und dann muss ich an Stefan denken
Bei all dem muss ich gerade sehr an Stefan Ackermann denken.
Denn wir hatten bei Das Ich diesen Schock schon einmal.
2011 wurde Stefan schwer krank. Er lag nach einer Operation wochenlang auf der Intensivstation. Damals war öffentlich völlig unklar, ob er sich vollständig erholen würde. Später wurde bekannt, dass er eine schwere Hirnblutung beziehungsweise einen Schlaganfall erlitten hatte. Anfang 2012 meldete Danse Macabre, dass er nach intensiver Rehabilitation wieder sprechen, sich selbst bewegen und am normalen Leben teilnehmen konnte. 2013 folgte schließlich die Rückkehr auf die Bühne.
Ich weiß noch, dass ich damals wirklich Angst hatte, dass Stefan das nicht schafft.
Nicht dieses oberflächliche: „Oh, hoffentlich wird er wieder gesund.“
Sondern dieses richtige beschissene Gefühl im Bauch. Dieser Gedanke:
Scheiße. Vielleicht kommt er nicht zurück.
Vielleicht war es das. Vielleicht sehen wir diesen Menschen nie wieder auf einer Bühne. Vielleicht ist Das Ich plötzlich Geschichte.
Damals hieß es sogar, die Aussichten auf eine vollständige Genesung seien unklar. Bruno selbst sprach öffentlich über die große Sorge um seinen Freund und Bandkollegen.
Und Stefan hat sich zurückgekämpft. Das kann man gar nicht anders sagen. Er hat sich wirklich zurück ins Leben gekämpft. Und irgendwann stand er wieder auf der Bühne.
Das ist etwas, worüber ich heute wieder nachdenken muss.
Damals hatten wir dieses Glück. Damals gab es noch ein Danach. Noch einen Auftritt. Noch ein Konzert. Noch einen Abend. Noch einen Moment.
Dieses Mal nicht.
Ich habe mit Stefan im Zwischenfall einen getrunken
Und dann gibt es da diese kleinen persönlichen Erinnerungen. Zum Beispiel das Zwischenfall in Bochum.
Wer aus unserer Ecke kommt und lange genug in der Szene unterwegs ist, muss wahrscheinlich nicht erklärt bekommen, was dieser Laden für viele bedeutet hat.
Ich habe dort einmal mit Stefan einen getrunken. Ich habe davon sogar noch ein altes Foto — Stefan, ein Kollege und ich, Höllentanz 2007 im Zwischenfall.
Und wisst ihr was? Das war kein wahnsinnig spektakulärer Moment. Kein exklusives VIP-Treffen. Keine Geschichte, bei der ich jetzt erzählen möchte: „Schaut her, wen ich alles kannte.“
Darum geht es überhaupt nicht. Eigentlich ist genau das Gegenteil der Punkt.
Es war normal. Es war unsere Szene. Da standen Musiker herum, da standen Leute herum, man trank etwas, man redete miteinander. Menschen trafen Menschen.
Genau das ist eine Sache, die ich an unserer Szene immer geliebt habe. Diese Grenzen waren manchmal viel kleiner, als Außenstehende vielleicht denken.
Die Person, die zwei Stunden vorher auf irgendeiner Bühne stand, stand später plötzlich neben dir. Und dann wurde gequatscht. Vielleicht ein Bier getrunken. Vielleicht irgendein Blödsinn erzählt. Ganz normal.
Das waren keine Figuren aus einer anderen Welt. Das waren Menschen aus unserer Szene.
Unsere Leute.
Und heute schaue ich auf solche alten Fotos völlig anders. Damals machst du ein Bild und denkst nicht darüber nach. Warum auch? Man denkt: Bis zum nächsten Mal. Wir sehen uns schon wieder. Irgendwann ist wieder irgendeine Veranstaltung. Irgendwann steht man wieder irgendwo zusammen.
Aber irgendwann kommt eben dieser eine Abend, bei dem „Bis zum nächsten Mal“ gesagt wird – und keiner weiß, dass es kein nächstes Mal mehr geben wird.
Das ist das, was mich gerade so fertig macht
Wir behandeln unsere Zeit oft, als wäre sie kostenlos. Als könnten wir beliebig viel davon verschwenden.
Dabei ist Zeit wahrscheinlich das Wertvollste, was wir überhaupt haben. Und sie läuft. Die ganze Zeit.
Auch während wir uns darüber aufregen, dass irgendein Mensch im Internet etwas geschrieben hat, das uns nicht passt.
Auch während wir drei Jahre nicht mit jemandem reden, weil keiner von beiden seinen verdammten Stolz überwinden kann.
Auch während wir unseren Eltern sagen: „Ich komme nächste Woche vorbei.“
Auch während wir Nachrichten von Freunden lesen und denken: „Antworte ich später.“
Später. Dieses verdammte Wort.
Wir verlassen uns so sehr darauf. Als wäre „später“ irgendwo vertraglich zugesichert. Ist es aber nicht.
Manchmal gibt es später nicht.
Was ist eigentlich aus unserer Szene geworden?
Und jetzt komme ich zu etwas, das mir wirklich wichtig ist. Vielleicht werden sich einige darüber ärgern. Dann ist das so.
Ich habe manchmal das Gefühl, dass wir als Szene vergessen haben, was uns einmal ausgemacht hat. Das habe ich auch schon in der Kolumne Was ist aus der Gegenkultur geworden? geschrieben — und heute fühlt es sich noch wahrer an.
Natürlich verkläre ich die Vergangenheit nicht komplett. Früher war nicht alles besser. Auch früher gab es Arschlöcher. Auch früher wurde gelästert. Auch früher gab es Grüppchen, Konkurrenz und Leute, die sich für wichtiger hielten als andere.
Aber trotzdem habe ich das Gefühl, dass sich etwas verändert hat.
Vielleicht liegt es an Social Media. Vielleicht an der allgemeinen Stimmung unserer Zeit. Vielleicht daran, dass inzwischen jeder Konflikt sofort öffentlich ausgetragen wird.
Aber wir sind verdammt gut darin geworden, uns gegenseitig auseinanderzunehmen.
Wer ist echter Gothic? Wer ist nur TikTok-Goth? Wer hört die richtige Musik? Wer kennt die richtigen Bands? Wer war schon 1989 dabei? Wer darf welches Shirt tragen? Wer darf auf welches Festival? Wer hat politisch etwas Falsches gesagt? Wer hat vor zehn Jahren einen beschissenen Kommentar geschrieben? Wer ist mit wem befreundet? Wer hat wen nicht eingeladen? Wer hat welches Bild geliked?
Ganz ehrlich:
Sind wir eigentlich komplett bescheuert geworden?
Wir reden hier über eine Szene, in der viele Menschen gelandet sind, weil sie sich außerhalb davon nicht zugehörig gefühlt haben.
Viele von uns waren schon als Jugendliche die komischen Leute. Die Gruftis. Die Freaks. Die Satanisten, obwohl die meisten wahrscheinlich mehr Zeit damit verbracht haben, ihre Haare richtig hinzubekommen, als irgendwelche Dämonen zu beschwören.
Wir wurden angestarrt. Ausgelacht. Angepöbelt. Manche wurden verprügelt. Manche hatten Probleme mit ihren Familien. Manche waren in der Schule Außenseiter.
Und irgendwann fand man diese anderen schwarzen Gestalten und dachte:
Okay. Hier bin ich vielleicht nicht ganz so falsch.
Und ausgerechnet wir bauen heute teilweise die nächsten verdammten Mauern untereinander? Warum?
Wir müssen nicht alle Freunde sein
Und bevor jetzt jemand denkt, ich wünsche mir irgendeine künstliche Friede-Freude-Grufti-Welt: Nein. Möchte ich nicht. Das wäre auch völlig unrealistisch.
Wir müssen nicht alle Freunde sein. Wir müssen uns nicht alle mögen. Wir müssen nicht dieselben Meinungen haben. Wir müssen nicht dieselben Bands hören. Ich muss nicht mit jedem ein Bier trinken wollen.
Und es gibt natürlich Dinge, bei denen man widersprechen muss. Es gibt Verhalten, das scheiße ist. Es gibt Menschen, von denen man Abstand halten sollte. Alles richtig.
Aber wir können trotzdem menschlich bleiben.
Das ist für mich der Unterschied.
Ich kann einem Menschen widersprechen, ohne ihm das Menschsein abzusprechen. Ich kann jemanden nicht mögen und trotzdem nicht wollen, dass es ihm schlecht geht. Ich kann sagen: „Mit dir möchte ich nichts zu tun haben.“ — ohne gleichzeitig eine Kampagne daraus zu machen, diesen Menschen vollständig kaputtzumachen.
Wir müssen endlich wieder lernen, Unterschiede auszuhalten. Und wir müssen wieder lernen, hinzusehen.
Unterstützt euch verdammt nochmal
Wenn jemand in unserer Szene Probleme hat, dann sollten wir wieder öfter fragen:
Kann ich irgendetwas tun?
Nicht nur posten. Nicht nur irgendein schwarzes Herz daruntersetzen. Wirklich fragen.
Kann ich dir helfen? Brauchst du jemanden? Soll ich mitkommen? Soll ich dich nach Hause bringen? Willst du reden? Oder willst du einfach nur, dass jemand daneben sitzt und die Klappe hält?
Manchmal braucht ein Mensch keine große Lösung. Manchmal braucht er einfach einen anderen Menschen. So banal ist das. Und vielleicht sollten wir uns daran wieder erinnern.
Vor allem bevor jemand tot ist
Das ist wahrscheinlich der Punkt, der mich am meisten beschäftigt.
Wenn jemand stirbt, kommen plötzlich all die netten Worte. Dann lesen wir: „Du warst ein großartiger Mensch.“ „Danke für alles.“ „Du wirst immer in meinem Herzen bleiben.“ „Ich werde unsere Gespräche nie vergessen.“ „Ich hätte dir noch so viel sagen wollen.“
Und jedes Mal denke ich:
Warum sagen wir Menschen solche Sachen eigentlich so selten, solange sie leben?
Warum fällt es uns leichter, einen Nachruf zu schreiben, als jemandem zu sagen: „Du bist mir wichtig.“
Warum muss erst ein Mensch sterben, bevor wir erzählen, wie sehr er uns geprägt hat?
Warum schicken wir Blumen zu einer Beerdigung, aber schaffen es jahrelang nicht, einfach einmal bei jemandem vorbeizufahren?
Warum?
Ich weiß es selbst nicht. Und ich nehme mich davon ausdrücklich nicht aus.
Auch ich habe Menschen, bei denen ich denke: Da müsste ich mich mal wieder melden. Da müsste ich mal anrufen. Da müsste ich endlich mal wieder hinfahren.
Und dann kommt irgendwas dazwischen. Arbeit. Stress. Müdigkeit. Das Leben eben. Bis irgendwann das Leben selbst dazwischenkommt.
Vielleicht ist das die eigentliche Lektion
Der Tod von Bruno Kramm macht mich traurig. Sehr sogar.
Aber er macht mich gleichzeitig auch nachdenklich. Weil es eben nicht nur um den Tod eines Musikers geht.
Es geht darum, dass wieder ein Mensch aus einer Szene gegangen ist, die mich seit meiner Jugend begleitet.
Eine Szene verändert sich. Menschen werden älter. Wir werden älter. Unsere Idole werden älter. Unsere Freunde werden älter. Unsere Eltern werden älter.
Und irgendwann beginnen Namen zu fehlen, von denen wir dachten, sie wären einfach immer da.
Das passiert nicht irgendwann in ferner Zukunft. Das passiert längst.
Vielleicht ist das auch einer der Momente, in denen man merkt, dass die eigene Jugend wirklich vorbei ist.
Die Menschen, zu denen man früher aufgesehen hat, sind keine unsterblichen Figuren. Sie sind Menschen. Mit Körpern, die krank werden. Mit Herzen, die irgendwann aufhören zu schlagen. Genau wie wir.
Bei Stefan hatten wir Glück
Vielleicht trifft mich Brunos Tod auch deshalb so stark, weil ich mich an Stefans Krankheit erinnere.
Damals hatte ich Angst. Richtig Angst. Und dann wurde es besser.
Anfang 2012 hieß es, Stefan könne sich nach seiner schweren Hirnblutung wieder selbst bewegen, sprechen und am normalen Leben teilnehmen. Die Rehabilitation war lang, aber er kam zurück.
Das war verdammt knapp. Und vielleicht vergisst man irgendwann auch wieder, wie knapp solche Dinge waren.
Denn wenn jemand wieder da ist, wird seine Anwesenheit irgendwann wieder normal. Man sieht ihn auf der Bühne und denkt: Da ist Stefan. So wie immer.
Dabei ist dieses „wie immer“ eigentlich ein riesiges Geschenk. Das wird mir jetzt erst wieder richtig bewusst.
Das letzte Mal weiß man meistens nicht, dass es das letzte Mal ist
Dieser Gedanke tut weh. Aber er ist wahr.
Du weißt selten, wann du einen Menschen zum letzten Mal siehst.
Vielleicht geht ihr auseinander und sagt: „Mach's gut.“ „Bis bald.“ „Wir sehen uns.“
Vielleicht gebt ihr euch noch eine Umarmung. Vielleicht nicht. Vielleicht seid ihr sogar genervt voneinander. Vielleicht wart ihr in Eile. Vielleicht habt ihr euch vorgenommen, dem anderen am nächsten Tag zu schreiben.
Und dann ist es vorbei.
Deshalb sind diese kleinen Momente so wichtig. Dieser Abend im Zwischenfall. Dieses Bier. Dieses dumme Foto. Irgendein Gespräch, dessen Inhalt ich heute vielleicht nicht einmal mehr vollständig zusammenbekomme.
Das sind am Ende die Dinge, die bleiben. Nicht der perfekte große Moment. Oft sind es diese völlig normalen Abende.
Unsere Welt ist gerade verrückt genug
Ich glaube, viele Menschen spüren gerade, dass etwas nicht stimmt.
Alles wird schneller. Alles wird lauter. Jeder soll ständig auf irgendetwas reagieren. Empörung hier. Skandal dort. Die nächste Katastrophe. Der nächste Streit. Der nächste Mensch, den wir kollektiv scheiße finden sollen.
Social Media lebt davon, dass wir reagieren. Am besten sofort. Am besten wütend.
Und vielleicht färbt das inzwischen stärker auf unser echtes Leben ab, als wir wahrhaben wollen.
Wir behandeln Menschen wie Profile. Ein falscher Satz und fertig. Block. Weg. Nächster.
Aber Menschen funktionieren nicht so. Menschen sind widersprüchlich. Menschen machen Fehler. Menschen verändern sich. Menschen haben schlechte Tage. Menschen sagen dumme Sachen.
Ich auch. Du auch. Jeder.
Und irgendwann sterben Menschen.
Vielleicht sollten wir die kurze Zeit dazwischen ein bisschen weniger beschissen miteinander verbringen.
Wir könnten morgen tot umkippen
Ich weiß, dieser Satz klingt drastisch. Ich will ihn trotzdem genau so schreiben.
Wir könnten morgen tot umkippen.
Und dann? War dieser Streit wichtig? War dieser Kommentar wichtig? War es wirklich so entscheidend, dass du jemandem noch einmal zeigen konntest, dass du mehr Ahnung von Gothic hast? War dein Stolz wirklich wichtiger als der Mensch, den du seit zwei Jahren vermisst? War es wirklich nötig, jemanden fertigzumachen?
Ich weiß es nicht. Diese Fragen muss sich jeder selbst beantworten. Aber ich werde sie mir stellen.
Mein Wunsch an unsere Szene
Ich wünsche mir nicht, dass wir alle plötzlich Händchen halten. Ich wünsche mir etwas viel Einfacheres.
Werdet wieder menschlicher.
Achtet aufeinander. Unterstützt euch. Helft kleinen Bands. Geht auf Veranstaltungen. Kauft Musik und Merch, wenn ihr könnt. Unterstützt Clubs. Unterstützt Veranstalter.
Aber vor allem: Unterstützt die Menschen.
Wenn jemand alleine irgendwo herumsteht, sagt Hallo. Wenn jemand sturzbetrunken irgendwo liegt, schaut nicht einfach weg. Wenn jemand erzählt, dass es ihm scheiße geht, hört vielleicht einmal länger als drei Minuten zu. Wenn ein Freund plötzlich verschwindet, fragt nach. Wenn jemand krank wird, meldet euch nicht nur einmal am Anfang. Bleibt da.
Und wenn ihr jemanden liebt: Sagt es.
Für Bruno
Ich weiß nicht, ob Bruno Kramm jemals erfahren hat, wie viele Leben seine Musik auf irgendeine Weise berührt hat. Vielleicht schon. Vielleicht nicht.
Aber meines gehörte dazu.
Das Ich hat mich geprägt, seit ich ungefähr 14 war. Ein Teil der Musik, die mich zu dem Menschen gemacht hat, der ich heute bin, trägt auch seine Handschrift. Und dafür bin ich dankbar.
Ich hätte mir gewünscht, dass noch viele Jahre dazukommen. Noch viele Konzerte. Noch viele schräge Bilder. Noch viele neue Klänge.
Aber das entscheiden wir nicht.
„Nach dem letzten Klang“
Ich habe meine Trauer in Musik gesteckt.
Der Song heißt „Nach dem letzten Klang“ und ist meine persönliche Hommage an Bruno. Nicht offiziell. Nicht perfekt. Und auch nicht mit dem Anspruch, dem Werk eines Menschen gerecht zu werden, der über Jahrzehnte Musik gemacht hat.
Es ist einfach das, was aus mir herausmusste.
Meine Hommage an Bruno Kramm — „Nach dem letzten Klang“
Manchmal kann ich Dinge mit Musik besser sagen als mit normalen Worten.
Und ganz persönlich: Trink mit meiner Mama ein Altbier
Bruno, ich weiß nicht, was nach dem Tod kommt. Keine Ahnung. Vielleicht gar nichts. Vielleicht etwas. Vielleicht ist da irgendein Ort, den wir uns sowieso nicht vorstellen können.
Aber falls ihr euch da irgendwo begegnet:
Trink mit meiner Mama ein Altbier.
Das ist wahrscheinlich ein seltsamer Satz für einen Nachruf. Aber genau deshalb gehört er hier hin.
Denn Tod besteht nicht nur aus großen Worten. Er besteht aus Menschen. Aus Erinnerungen. Aus kleinen Dingen. Aus einem Bier. Aus einem Song. Aus einem Foto. Aus einem Abend, den man damals nicht für wichtig genug hielt, um ihn sich für immer merken zu wollen.
Und Jahre später merkst du: Genau diese Abende waren wichtig.
Wartet nicht
Also wartet nicht.
Nicht mit dem Anruf. Nicht mit der Nachricht. Nicht mit der Entschuldigung. Nicht mit dem „Ich hab dich lieb“. Nicht mit dem Besuch. Nicht mit dem Bier. Nicht mit dem Konzert. Nicht mit dem verdammten Leben.
Wir wissen nicht, wie viel davon noch übrig ist. Und wir wissen auch nicht, wie lange die Menschen neben uns noch da sind.
Bei Stefan hatten wir damals Angst — und er hat sich zurückgekämpft.
Bei Bruno endet die Geschichte anders.
Und vielleicht kann uns das wenigstens für einen Moment daran erinnern, dass nichts von diesem ganzen Leben selbstverständlich ist. Nicht der nächste Morgen. Nicht die nächste Party. Nicht das nächste WGT. Nicht das nächste Konzert. Nicht der Mensch neben euch.
Passt aufeinander auf. Nicht irgendwann. Jetzt.
Unterstützt euch. Steht füreinander ein.
Und bitte:
Werdet endlich wieder menschlicher.
Mach's gut, Bruno.
Danke für die Musik. Und grüß Mama von mir. Das Altbier geht auf mich.
Häufige Fragen zu Bruno Kramm und Das Ich
Wer war Bruno Kramm?
Bruno Kramm war Musiker, Produzent und Mitbegründer der Band Das Ich. Gemeinsam mit Stefan Ackermann prägte er seit den frühen 1990ern die Neue Deutsche Todeskunst — Elektronik, Theater, Expressionismus und deutsche Sprache.
Wann ist Bruno Kramm gestorben?
In der Nacht nach dem Konzert am 25. September 2026 in Granada. Er war 58 Jahre alt. Zuvor hatte Das Ich in der Sala Planta Baja gespielt.
Was ist Das Ich?
Das Ich ist eine deutsche Band aus der schwarzen Szene. Für viele, mich eingeschlossen, war diese Musik Teil der Jugend — nicht glatt, nicht bequem, sondern Identität.
Warum schreibt Nici (Arsay) diesen Nachruf?
Weil Das Ich mich seit meinem 14. Lebensjahr begleitet. Ich kannte Bruno nicht privat. Seine Musik war trotzdem Teil meines Lebens. Und weil mich gerade weniger die Lebensdaten beschäftigen als die Frage, wie wir in der Szene miteinander umgehen, solange wir noch da sind.
Wenn euch die Szene wichtig ist — seid füreinander da
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